Jens Franke und sein Stuttgart

MRKT Online Magazin am 6. November 2014

Als Jens Franke nach seinem Studium nach Stuttgart zog, hatte er eine Befürchtung: Die Stadt würde ihn früher oder später langweilen. Aufgewachsen ist er in der idyllischen Umgebung der bayrischen Alpen, zudem reiste er immer wieder um die ganze Welt. Würde ihm die schwäbische Hauptstadt da noch ausreichen? Doch wie sich herausgestellt hat, inspiriert ihn Stuttgart sogar zu seinen spannendsten Arbeiten.

Seine Liebe zur Fotografie entdeckt Jens Franke während seines Auslandssemesters im lebhaften Rio de Janeiro. An der HfG Schwäbisch Gmünd studierte er Kommunikationsgestaltung und ist durch seine Arbeit überwiegend in der digitalen Welt zu Hause. Als professioneller Designer muss man oft analytisch vorgehen – doch genau diese Beobachtungsgabe macht seine Bildmotive aus. Seine Bilder zeigen Stuttgart, von einer Seite, die die meisten Passanten gar nicht bemerken. Unscheinbare Motive werden zum Blickfang und zeigen die vielen Facetten der Stadt – mal wirken die Bilder intim, mal wie aus einer weit entfernten Metropole. Hauptakteure seiner Werke sind meistens die Menschen, denen er auf seinen Streifzügen durch die Stadt begegnet.

Die Porträts entstehen dabei in weniger als fünf Minuten – eine Zeit, die sich die meisten Abgelichteten gerne nehmen. Gerade aufgrund dieser spontanen Motiv-Findung lassen sich die Fotos nicht planen: Entscheidend ist der jeweilige Moment. Obwohl der Betrachter die Menschen auf den Portraits gewöhnlich nicht kennt, erzählen sie dennoch eine Geschichte. Diese mag für jeden anders sein – trotzdem transportieren die Fotos eine besondere Stimmung, mit der man nicht rechnet. Dazu tragen etwa ungewöhnliche Perspektiven und Charaktere bei, denen man sonst kaum Aufmerksamkeit schenken würde.

Ich finde, Menschen sind Leben und jedes Gesicht erzählt eine ganz individuelle Geschichte.

Sogar schlechtes Wetter spielt Jens Franke in puncto dramatischer Atmosphäre in die Karten. Zudem achtet er auf besondere Reflexionen und Spiegelungen in Wasserpfützen oder Schaufenstern: Dabei entstehen außergewöhnliche Bilder, die Passanten meist entgehen.

Viele der Fotos sind in schwarz/weiß gehalten – dem Fotograf zufolge bekommen seine Aufnahmen dadurch etwas Zeitloses.

Die Bilder von Jens Franke unterschieden sich vom schnellen Schnappschuss mit dem Smartphone vor allem darin, dass sie mit genau dem richtigen Moment ganze Geschichten erzählen und alles andere als zufällig wirken. Im Rahmen seiner Ausstellung „Little Districts“ Anfang 2014 wurde in der Eröffnungsrede ein Zitat vom Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt aufgegriffen: „Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten.“ Gerade deshalb sind die Fotos so sehenswert: Sie erinnern den Betrachter daran, den Blick fürs Detail auch im Alltag nicht zu verlieren.