Eröffnungsrede von Joe Bauer zur Ausstellung "Little Districts"

28. Februar 2014, Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus, Stuttgart

“Schönen guten Abend, im Gustav-Siegle-Haus, meine Damen und Herren, dieser Ort, der Schauplatz der Ausstellung „little districts“ mit den Arbeiten von Jens Franke, war für mich ein Grund, heute Abend hier ein paar Gedanken vorzutragen. Ich kannte Jens Franke bis vor wenigen Wochen nicht, wir haben uns dann im Brunnenwirt am Leonhardsplatz zum Kennlernen getroffen, also direkt in der bunten, in der fast urbanen Nachbarschaft des Kunstbezirks. Schnell stellte sich heraus, dass er als Fotograf etwas Ähnliches macht wie ich als Zeitungskolumnist. Jens Franke geht in der Stadt herum und fotografiert Dinge und Menschen, die ihm auffallen, die ihn neugierig machen.Unsereins geht herum, kritzelt etwas in sein kleines Notizbuch und macht mit seinem Taschentelefon Schnappschüsse, allerdings nur zur besseren Erinnerung. Und nicht etwa, weil ich denke, diese Abbildungen hätten etwas mit Fotografieren zu tun. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat gesagt: „Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten.“

Heute, im Digital-Zeitalter, hat dieser Satz viel mehr Bedeutung als zu Dürrenmatts Zeiten, als nur analog fotografiert wurde, jeder also wenigsten ein paar Grundbegriffe einer Technik beherrschen musste.Die professionelle Fotografie – sofern sie diesen Namen im Sinne einer Berufsausübung oder einer echten Berufung verdient – hat es heute ungemein schwer. Wir sind umgeben von Bildererzeugern aller Art, darunter Knipsern der übelsten Sorte. Wir sind umzingelt von Kindern und Vätern, von Jugendlichen und Großmüttern, die bei jeder unpassenden Gelegenheit ihre Smartphones und Fotoapparate ziehen, um etwas abzulichten, festzuhalten und zu verbreiten, ohne die Dinge in irgendeinem schöpferischen Sinne zu beleuchten.Es gibt Momente, da gehen einem diese Menschen mächtig auf die Nerven, bei Konzerten oder ähnlichen Darbietungen, wenn die Sucht-Knipser ihre Geräte in die Luft halten und die Atmosphäre und die Konzentration stören, um via Facebook mitzuteilen, wo sie gerade sind. Diese hirnlosen Event-Rituale drängen das Ereignis an sich in den Hintergrund, die Kunst, die Aufführung werden unwichtig. Fotos in sozialen Netzwerken zu posten, erscheint immer öfter als das entscheidende Motiv, eine Veranstaltung zu besuchen, ohne ihre Darbietung gebührend wahrzunehmen oder gar mit Respekt zu würdigen.

Über solche Entwicklungen müssen wir uns nicht ereifern, sie gehören zum Leben, und sie stören eben, so wie uns der Popcorn-Gestank und das Knistern der Fresstüten im Kino in Rage bringt. Deshalb gibt es trotzdem gute Filme, die nur in einem Lichtspieltheater funktionieren – und auf einem Bildschirm ihre Qualität verlieren wie ein Vinyl-Song auf Youtube.

Der Bildermacher Jens Franke, meine Damen und Herren, arbeitet nicht nur in Gedanken abseits der Popcorn-Kultur. Er hat Design studiert, also ein Handwerk gelernt, und er hatte das Glück, auch eine Weile fern seiner Heimat zu leben, beispielsweise in Brasilien. In fremder Umgebung justiert der halbwegs aufgeweckte Mensch seine Sensoren, er wird aufmerksam, wachsam gegenüber sich und allem anderen. Als Designer weiß Jens Franke, um was es geht bei einem Foto: etwa um die Raumaufteilung, um die Bildstruktur. Das ist eine handwerkliche Voraussetzung, um etwas Vernünftiges zu fertigen.

Der Begriff Handwerklichkeit spielt keine große Rolle mehr, seit es Gewohnheit geworden ist, Allerweltsprodukte und ihre angeblich kreativen Macher als Kunst zu handeln. In den meisten Fällen ist das Unsinn. Warum sollte sich einer, der Schlagertexte nachplärrt, oder einer, der auf Anweisung seines Dirigenten seine Geige spielt, als Künstler fühlen. Nicht jeder macht schon deshalb Kunst, weil ihn der lieben Gott mit etwas Talent zum Malen, Fotografieren oder Gitarrespielen ausgestattet hat. Kunst erfordert eine Idee, eine gewisse Radikalität, also eine Haltung, aber darüber müssen wir hier nicht reden.

Einer wie Jens Franke besitzt eine gesunde Leidenschaft, er hat eine Mission, aber keine, mit denen er jemanden belehren will. Das Wichtigste, was ein Mensch besitzen muss, der anderen etwas mitteilen will, ist eine weitgehende verloren gegangene Eigenschaft, die dem Menschen eigentlich angeboren ist. Man nennt sie Neugier. Der Fotograf Jens Franke ist neugierig. Er geht herum, schaut sich um, schärft buchstäblich seinen Blick. Wenn er dann noch etwas Glück hat, und das Glück ist in diesem Fall keine Hure, die man bezahlen kann, dann wird er fündig. Er hält Augenblicke fest, Szenen, die anderen entgehen, weil sie nicht beobachten können, weil sie nicht neugierig sind.Im vergangenen Jahr, das habe ich in der Zeitung gelesen, hat Jens Franke an einer Ausstellung mit dem Titel „Eckensteher“ teilgenommen und gesagt, eigentlich sei er kein Eckensteher, er stehe ja nicht teilnahmslos irgendwo herum.Andererseits: Der Eckensteher ist nur ein anderes Wort für den Müßiggänger, so wie der Penner, der Herumtreiber, der Nichtsnutz als Protagonisten für den Müßiggang herhalten müssen.Damit sind wir bei einem grundlegenden Missverständnis. Der Müßiggänger ist heute eine Antwort auf die Digitalisierung, auf das Leben im Netz. So wie früher der Müßiggang die Antwort auf die neue Hektik der Großstädte war. Der Müßiggänger ist ein Entschleuniger, ein musikalisch geprägter Pauseneinhalter, er ist der wahre Hingucker. Der große literarische Berliner Flaneur Franz Hessel schrieb anfangs des 20. Jahrhunderts in seinem Text “Der Verdächtige”: “Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der andern, es ist ein Bad in der Brandung. Aber meine lieben Berliner Mitbürger machen es einem nicht leicht, wenn man ihnen auch noch so geschickt ausbiegt. Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb.”

Sieht man heute den Flaneur wenn nicht als Taschendieb, so doch als Tagedieb. Diese Verachtung hat mit dem Verlust der Muße zu tun, auch mit der Ahnungslosigkeit gegenüber der Psychologie von Orten, den Brücken zur Vergangenheit, die man aus Profitgründen zerstört. Selbst der halbwegs erfahrene Spaziergänger geht leider zu selten so zweckfrei durch die Stadt, wie es die Philosophie des Müßiggangs verlangt. Ist der Stadtwanderer offenen Auges und ohne Ohrenstöpsel auf Tour, gerät er aus der digitalen Welt hinein in die Geschichte einer Stadt. Er erkennt, wie das Licht eine Stadt verändert, er schaut an Häusern weiter hinauf als nur bis zum oberen Ende von Haustüren und Schaufenstern und blickt in eine neue Stadt. Dieses Glück widerfährt dem Lustwanderer nicht, weil er mit einem Reiseführer in der Hand historische Gebäude oder Plätze identifiziert. Es ist die Neugier, die ihn treibt und steuert. So gesehen ist Jens Franke ein Detektiv. Keiner, der ermittelt, um einen Fall aufzudecken, sondern einer, der staunen kann über das, was er sieht – und es weitergibt zum Betrachten. Auch der Betrachter wird so zum Ermittler. Jens Franke experimentiert beim Ermitteln, bereit sich von stilistischen Zwängen, er fotografiert digital, analog, in Farbe, in Schwarz-Weiß.

Er sagt, er beschäftige sich, frei nach Paul Austers Geschichten-Sammlung „Das rote Notizbuch“, mit Ereignissen, „bei denen der Zufall eine entscheidende Rolle“ spiele. Seine Hauptdarsteller in “Little District”, fügt er hinzu, erzählten Geschichten von Glück, von Traurigkeit, der Freude, vom Warten, von Eile, von Einsamkeit. Dreh und Angelpunkt für diese Serie von Straßenfotografien bilde der Stuttgarter Innenstadtbereich.

Gestolpert bin ich bei diesen Sätzen nur über das Wort „Innenstadtbereich“. Stuttgart hat keine richtige Innenstadt, nur ein von Straßen zerklüftetes Scheinzentrum mit einer Glas- und Betonbaracke namens Schwabenzentrum.

Wir hier, meine Damen und Herren, befinden uns im historischen Kern der Stadt, in der vergessenen City, die man – nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt – verkommen und verwahrlosen lässt – keinerlei Rücksicht nimmt auf die historische Architektur im Leonhardsviertel, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Was ich hier kritisiere, liefert keine politischen Motive, keinen Stoff für die Fotografen-Arbeit von Jens Franke. Er ist kein Ankläger. Als Herumgeher macht er beiläufig, mit Hilfe des Zufalls, mit Geduld und Hartnäckigkeit darauf aufmerksam, was es es gibt in der Stadt. Gedanken darüber darf sich anschließend der Betrachter machen, sofern er ein Hirn hat.

Jedes Bild erzählt eine Geschichte, hat für den Betrachter eine individuelle Botschaft, und jeder findet eine Geschichte, wenn er bereit ist, ein Bild zu lesen. Flanieren, hat Franz Hessel gesagt, ist „das Lesen einer Straße mit den Augen“. Der Fotograf hat neben den eigenen auch technische Augen, die das Gelesene und die Zeit festhalten. Der Fotograf erzählt und formuliert die Poesie der Straße auf seine Art, nämlich mit seiner Bildsprache. Die qualitative Bewertung von Jens Frankes Bildsprache überlasse ich anderen. Ich sehe, dass unser Bild-Handwerker für mein Verständnis etwas richtig macht: Er setzt nicht auf die Floskel „Konzept“, er sieht das Leben, erkennt es in Dingen, in Szenen, in Menschen. Etwas bekommt buchstäblich ein Gesicht, und so kommen auch die zur Geltung, die man mit politischer Arroganz und wirtschaftlicher Gier übersieht. So wie jene Menschen, die in diesem Viertel hier nicht etwa dem Verbrechen nachgehen, sondern hier leben und gute Arbeit machen. Als Handwerker, Kaufleute, Musiker, Wirte.

In den Situation des heutigen Neoliberalismus, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, halte ich es für wichtig, dass einer etwas macht wie die Bilder, die wir hier sehen. Dass ein Bürger überhaupt etwas tut: auch im Kleinen, in den Stadtteilen, und damit sind wir mitten bei den „little districts“, in den kleinen Welten und Subkulturen der Stadt. Wer genau hinschaut, entdeckt vielleicht nicht gleich seine verdammt Pflicht, etwas zu tun, etwas zu ändern. Aber er entdeckt etwas, das er zuvor nicht gesehen hat. Vielleicht setzt er sich in Bewegung. Es ist bewiesen, dass das Herumgehen das Hirn um ein Vielfaches mehr anregt als das Herumsitzen. Und ich verspreche Ihnen, meine Damen und Herren, es ist ein gutes Gefühl, sein Arbeit als seiner eigener Herumstiefelknecht zu erledigen.

Vom dem großen amerikanischen Stadtwanderer, Schriftsteller, Filmemacher Paul Auster haben wir bereits gehört; er war eine Art Anstifter für den Fotografen Jens Franke. In Paul Austers jüngstem auf Deutsch erschienen Buch „Winterjournal“ heißt es kurz vor Schluss: „Um tun zu können, was du tust, musst du gehen. Gehen trägt dir die Worte zu, erlaubt dir den Rhythmus der Worte zu hören, während du sie in deinem Kopf schreibst. Einen Fuß nach vorn, dann den anderen nach vorn, der Doppelschlag deines Herzens. Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine, zwei Füße. Dies und dann das. Das, und dann dies. Schreiben beginnt im Körper …“Ich will nicht vermessen sein: Vermutlich aber beginnt auch für Jens Franke das Bildermachen, das Fotografien im Körper. Und jetzt halte ich es mit Paul Auster: Um tun zu können, was du tust, musst du gehen.Noch einen schönen Abend, meine Damen und Herren. Vielen Dank.”