"Die Straße ist sein Elixier / Wenn Jens Franke durch die Stadt geht, sind es die scheinbar nebensächlichen, unspektakulären Augenblicke des Alltags, die ihn fesseln."


Jens Franke und sein Stuttgart

MRKT Online Magazin am 6. November 2014

Als Jens Franke nach seinem Studium nach Stuttgart zog, hatte er eine Befürchtung: Die Stadt würde ihn früher oder später langweilen. Aufgewachsen ist er in der idyllischen Umgebung der bayrischen Alpen, zudem reiste er immer wieder um die ganze Welt. Würde ihm die schwäbische Hauptstadt da noch ausreichen? Doch wie sich herausgestellt hat, inspiriert ihn Stuttgart sogar zu seinen spannendsten Arbeiten.

Seine Liebe zur Fotografie entdeckt Jens Franke während seines Auslandssemesters im lebhaften Rio de Janeiro. An der HfG Schwäbisch Gmünd studierte er Kommunikationsgestaltung und ist durch seine Arbeit überwiegend in der digitalen Welt zu Hause. Als professioneller Designer muss man oft analytisch vorgehen – doch genau diese Beobachtungsgabe macht seine Bildmotive aus. Seine Bilder zeigen Stuttgart, von einer Seite, die die meisten Passanten gar nicht bemerken. Unscheinbare Motive werden zum Blickfang und zeigen die vielen Facetten der Stadt – mal wirken die Bilder intim, mal wie aus einer weit entfernten Metropole. Hauptakteure seiner Werke sind meistens die Menschen, denen er auf seinen Streifzügen durch die Stadt begegnet.

Die Porträts entstehen dabei in weniger als fünf Minuten – eine Zeit, die sich die meisten Abgelichteten gerne nehmen. Gerade aufgrund dieser spontanen Motiv-Findung lassen sich die Fotos nicht planen: Entscheidend ist der jeweilige Moment. Obwohl der Betrachter die Menschen auf den Portraits gewöhnlich nicht kennt, erzählen sie dennoch eine Geschichte. Diese mag für jeden anders sein – trotzdem transportieren die Fotos eine besondere Stimmung, mit der man nicht rechnet. Dazu tragen etwa ungewöhnliche Perspektiven und Charaktere bei, denen man sonst kaum Aufmerksamkeit schenken würde.

Ich finde, Menschen sind Leben und jedes Gesicht erzählt eine ganz individuelle Geschichte.

Sogar schlechtes Wetter spielt Jens Franke in puncto dramatischer Atmosphäre in die Karten. Zudem achtet er auf besondere Reflexionen und Spiegelungen in Wasserpfützen oder Schaufenstern: Dabei entstehen außergewöhnliche Bilder, die Passanten meist entgehen.

Viele der Fotos sind in schwarz/weiß gehalten – dem Fotograf zufolge bekommen seine Aufnahmen dadurch etwas Zeitloses.

Die Bilder von Jens Franke unterschieden sich vom schnellen Schnappschuss mit dem Smartphone vor allem darin, dass sie mit genau dem richtigen Moment ganze Geschichten erzählen und alles andere als zufällig wirken. Im Rahmen seiner Ausstellung „Little Districts“ Anfang 2014 wurde in der Eröffnungsrede ein Zitat vom Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt aufgegriffen: „Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten.“ Gerade deshalb sind die Fotos so sehenswert: Sie erinnern den Betrachter daran, den Blick fürs Detail auch im Alltag nicht zu verlieren.


Die Exotik im Alltag – Der Fotograf Jens Franke blickt in die vielen Gesichter Stuttgarts.

Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, 05.07.2014, S. 43 / Wochenendbeilage / Stadtleben

Die Straße ist sein Elixier: Wenn Jens Franke durch die Stadt geht, sind es die scheinbar nebensächlichen, unspektakulären Augenblicke des Alltags, die ihn fesseln. Mit seinem untrüglichen Blick für besondere Stimmungen und ungewöhnliche Lichtverhältnisse zeigt er uns Stuttgart von vielen neuen Seiten. 'Ich suche das Exotische in der Stadt', sagt der 33-jährige Wahl-Stuttgarter, der sich nach seinem Designstudium in Schwäbisch Gmünd zunächst nicht so recht vorstellen konnte, dass es in der Landeshauptstadt anders als langweilig sein könnte.

'Ich suche das Exotische in der Stadt'

Inzwischen lebt er sechs Jahre hier und findet auf seinen Streifzügen jede Menge Spannendes. 'Mich interessiert vor allem das Miteinander der Menschen. Meine Bilder entstehen intuitiv.'

Mal sind es Nahaufnahmen von Einzelpersonen, mal unbestimmte Alltagsszenen vor Gebäuden, die Franke mit seiner ganz eigenen Stimmung versieht. Seine Bilder blicken in die Gesichter der Stadt, auf die der feiernden Jugendlichen auf dem Schillerplatz oder in das des melancholischen Fliegenträgers am Königsbau. Bei seinen Aufnahmen greift er gern auf die Schwarz-Weiß-Fotografie zurück. 'Die Bilder bekommen dadurch etwas Zeitloses.' In der Stadt, wo Reklame, Lichter und Menschentrauben Unruhe verbreiten, bringt Jens Franke mit der Schwarz-Weiß-Optik Ruhe in seine Motive. Grobes und Markantes wirkt stärker. 'Ich mag die Dame mit dem Fellkragen sehr gern', sagt der Fotokünstler über eines seiner Lieblingsmotive. 'Sie strahlt Güte aus und wirkt so erhaben.' Auf dem Schlossplatz hat er sie in einem kurzen Moment für immer verewigt.

Obwohl der Betrachter nichts über sie weiß, glaubt man aus ihrem Gesicht eine ganze Lebensgeschichte herauszulesen.

Mehr von Jens Franke: www.jensfranke.photography sdr


Frankes Welten

14. März 2014 Stuttgarter Zeitung (Printausgabe)

Man sieht nur die Hand auf dem Asphalt – und ahnt doch die ganze Geschichte, die die fotografische Zufallsperspektive hier erzählt. Eine Geschichte vom Leben auf der Straße, von der Armut und vom Schmutz, den der schwäbische Kehrwochengeist schnell in die Ecke fegt, um nicht darüber nachdenken zu müssen. Anders als die Klassiker der sozialkritischen Fotografie hat Jens Franke nicht die Peripherie ausgeleuchtet, sondern die geordnete und teure Stuttgarter Innenstadt. Aber auch das Zentrum hat Randgebiete, Franke nennt sie "Little Districts". 46 dieser gesellschaftlichen Mikroräume präsentiert Franke in der Ausstellung des Kunstbezirks.

Die Bilder schauen in die Gesichter der Stadt, auf das des Straßenmusikers oder auf des Kellers vor der Markthalle.

Mitunter erinnern die Bilder an Filmstills, lassen die Dargestellten zu Akteuren des Alltagskinos werden. Andere wiederum verweigern sich den Blicken der Umgebung und dem Objektiv des Fotografen. So schließt eine Dame die Augen, während einer der Obdachlosen auf dem Schlossplatz hinter Schirm und Decke verschwindet. Und auch sonst bremst Franke die Annäherung ans Intime stets im richtigen Moment ab. lei

Bis 28. März, Leonhadsplatz 28,
Di-Sa 15-19 Uhr


Eröffnungsrede von Joe Bauer zur Ausstellung "Little Districts"

28. Februar 2014, Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus, Stuttgart

“Schönen guten Abend, im Gustav-Siegle-Haus,meine Damen und Herren, dieser Ort, der Schauplatz der Ausstellung „little districts“ mit den Arbeiten von Jens Franke, war für mich ein Grund, heute Abend hier ein paar Gedanken vorzutragen. Ich kannte Jens Franke bis vor wenigen Wochen nicht, wir haben uns dann im Brunnenwirt am Leonhardsplatz zum Kennlernen getroffen, also direkt in der bunten, in der fast urbanen Nachbarschaft des Kunstbezirks. Schnell stellte sich heraus, dass er als Fotograf etwas Ähnliches macht wie ich als Zeitungskolumnist. Jens Franke geht in der Stadt herum und fotografiert Dinge und Menschen, die ihm auffallen, die ihn neugierig machen.Unsereins geht herum, kritzelt etwas in sein kleines Notizbuch und macht mit seinem Taschentelefon Schnappschüsse, allerdings nur zur besseren Erinnerung. Und nicht etwa, weil ich denke, diese Abbildungen hätten etwas mit Fotografieren zu tun. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat gesagt: „Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten.“

Heute, im Digital-Zeitalter, hat dieser Satz viel mehr Bedeutung als zu Dürrenmatts Zeiten, als nur analog fotografiert wurde, jeder also wenigsten ein paar Grundbegriffe einer Technik beherrschen musste.Die professionelle Fotografie – sofern sie diesen Namen im Sinne einer Berufsausübung oder einer echten Berufung verdient – hat es heute ungemein schwer. Wir sind umgeben von Bildererzeugern aller Art, darunter Knipsern der übelsten Sorte. Wir sind umzingelt von Kindern und Vätern, von Jugendlichen und Großmüttern, die bei jeder unpassenden Gelegenheit ihre Smartphones und Fotoapparate ziehen, um etwas abzulichten, festzuhalten und zu verbreiten, ohne die Dinge in irgendeinem schöpferischen Sinne zu beleuchten.Es gibt Momente, da gehen einem diese Menschen mächtig auf die Nerven, bei Konzerten oder ähnlichen Darbietungen, wenn die Sucht-Knipser ihre Geräte in die Luft halten und die Atmosphäre und die Konzentration stören, um via Facebook mitzuteilen, wo sie gerade sind. Diese hirnlosen Event-Rituale drängen das Ereignis an sich in den Hintergrund, die Kunst, die Aufführung werden unwichtig. Fotos in sozialen Netzwerken zu posten, erscheint immer öfter als das entscheidende Motiv, eine Veranstaltung zu besuchen, ohne ihre Darbietung gebührend wahrzunehmen oder gar mit Respekt zu würdigen.

Über solche Entwicklungen müssen wir uns nicht ereifern, sie gehören zum Leben, und sie stören eben, so wie uns der Popcorn-Gestank und das Knistern der Fresstüten im Kino in Rage bringt. Deshalb gibt es trotzdem gute Filme, die nur in einem Lichtspieltheater funktionieren – und auf einem Bildschirm ihre Qualität verlieren wie ein Vinyl-Song auf Youtube.

Der Bildermacher Jens Franke, meine Damen und Herren, arbeitet nicht nur in Gedanken abseits der Popcorn-Kultur. Er hat Design studiert, also ein Handwerk gelernt, und er hatte das Glück, auch eine Weile fern seiner Heimat zu leben, beispielsweise in Brasilien. In fremder Umgebung justiert der halbwegs aufgeweckte Mensch seine Sensoren, er wird aufmerksam, wachsam gegenüber sich und allem anderen. Als Designer weiß Jens Franke, um was es geht bei einem Foto: etwa um die Raumaufteilung, um die Bildstruktur. Das ist eine handwerkliche Voraussetzung, um etwas Vernünftiges zu fertigen.

Der Begriff Handwerklichkeit spielt keine große Rolle mehr, seit es Gewohnheit geworden ist, Allerweltsprodukte und ihre angeblich kreativen Macher als Kunst zu handeln. In den meisten Fällen ist das Unsinn. Warum sollte sich einer, der Schlagertexte nachplärrt, oder einer, der auf Anweisung seines Dirigenten seine Geige spielt, als Künstler fühlen. Nicht jeder macht schon deshalb Kunst, weil ihn der lieben Gott mit etwas Talent zum Malen, Fotografieren oder Gitarrespielen ausgestattet hat. Kunst erfordert eine Idee, eine gewisse Radikalität, also eine Haltung, aber darüber müssen wir hier nicht reden.

Einer wie Jens Franke besitzt eine gesunde Leidenschaft, er hat eine Mission, aber keine, mit denen er jemanden belehren will. Das Wichtigste, was ein Mensch besitzen muss, der anderen etwas mitteilen will, ist eine weitgehende verloren gegangene Eigenschaft, die dem Menschen eigentlich angeboren ist. Man nennt sie Neugier. Der Fotograf Jens Franke ist neugierig. Er geht herum, schaut sich um, schärft buchstäblich seinen Blick. Wenn er dann noch etwas Glück hat, und das Glück ist in diesem Fall keine Hure, die man bezahlen kann, dann wird er fündig. Er hält Augenblicke fest, Szenen, die anderen entgehen, weil sie nicht beobachten können, weil sie nicht neugierig sind.Im vergangenen Jahr, das habe ich in der Zeitung gelesen, hat Jens Franke an einer Ausstellung mit dem Titel „Eckensteher“ teilgenommen und gesagt, eigentlich sei er kein Eckensteher, er stehe ja nicht teilnahmslos irgendwo herum.Andererseits: Der Eckensteher ist nur ein anderes Wort für den Müßiggänger, so wie der Penner, der Herumtreiber, der Nichtsnutz als Protagonisten für den Müßiggang herhalten müssen.Damit sind wir bei einem grundlegenden Missverständnis. Der Müßiggänger ist heute eine Antwort auf die Digitalisierung, auf das Leben im Netz. So wie früher der Müßiggang die Antwort auf die neue Hektik der Großstädte war. Der Müßiggänger ist ein Entschleuniger, ein musikalisch geprägter Pauseneinhalter, er ist der wahre Hingucker. Der große literarische Berliner Flaneur Franz Hessel schrieb anfangs des 20. Jahrhunderts in seinem Text “Der Verdächtige”: “Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der andern, es ist ein Bad in der Brandung. Aber meine lieben Berliner Mitbürger machen es einem nicht leicht, wenn man ihnen auch noch so geschickt ausbiegt. Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb.”

Sieht man heute den Flaneur wenn nicht als Taschendieb, so doch als Tagedieb. Diese Verachtung hat mit dem Verlust der Muße zu tun, auch mit der Ahnungslosigkeit gegenüber der Psychologie von Orten, den Brücken zur Vergangenheit, die man aus Profitgründen zerstört. Selbst der halbwegs erfahrene Spaziergänger geht leider zu selten so zweckfrei durch die Stadt, wie es die Philosophie des Müßiggangs verlangt. Ist der Stadtwanderer offenen Auges und ohne Ohrenstöpsel auf Tour, gerät er aus der digitalen Welt hinein in die Geschichte einer Stadt. Er erkennt, wie das Licht eine Stadt verändert, er schaut an Häusern weiter hinauf als nur bis zum oberen Ende von Haustüren und Schaufenstern und blickt in eine neue Stadt. Dieses Glück widerfährt dem Lustwanderer nicht, weil er mit einem Reiseführer in der Hand historische Gebäude oder Plätze identifiziert. Es ist die Neugier, die ihn treibt und steuert. So gesehen ist Jens Franke ein Detektiv. Keiner, der ermittelt, um einen Fall aufzudecken, sondern einer, der staunen kann über das, was er sieht – und es weitergibt zum Betrachten. Auch der Betrachter wird so zum Ermittler. Jens Franke experimentiert beim Ermitteln, bereit sich von stilistischen Zwängen, er fotografiert digital, analog, in Farbe, in Schwarz-Weiß.

Er sagt, er beschäftige sich, frei nach Paul Austers Geschichten-Sammlung „Das rote Notizbuch“, mit Ereignissen, „bei denen der Zufall eine entscheidende Rolle“ spiele. Seine Hauptdarsteller in “Little District”, fügt er hinzu, erzählten Geschichten von Glück, von Traurigkeit, der Freude, vom Warten, von Eile, von Einsamkeit. Dreh und Angelpunkt für diese Serie von Straßenfotografien bilde der Stuttgarter Innenstadtbereich.

Gestolpert bin ich bei diesen Sätzen nur über das Wort „Innenstadtbereich“. Stuttgart hat keine richtige Innenstadt, nur ein von Straßen zerklüftetes Scheinzentrum mit einer Glas- und Betonbaracke namens Schwabenzentrum.

Wir hier, meine Damen und Herren, befinden uns im historischen Kern der Stadt, in der vergessenen City, die man – nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt – verkommen und verwahrlosen lässt – keinerlei Rücksicht nimmt auf die historische Architektur im Leonhardsviertel, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Was ich hier kritisiere, liefert keine politischen Motive, keinen Stoff für die Fotografen-Arbeit von Jens Franke. Er ist kein Ankläger. Als Herumgeher macht er beiläufig, mit Hilfe des Zufalls, mit Geduld und Hartnäckigkeit darauf aufmerksam, was es es gibt in der Stadt. Gedanken darüber darf sich anschließend der Betrachter machen, sofern er ein Hirn hat.

Jedes Bild erzählt eine Geschichte, hat für den Betrachter eine individuelle Botschaft, und jeder findet eine Geschichte, wenn er bereit ist, ein Bild zu lesen. Flanieren, hat Franz Hessel gesagt, ist „das Lesen einer Straße mit den Augen“. Der Fotograf hat neben den eigenen auch technische Augen, die das Gelesene und die Zeit festhalten. Der Fotograf erzählt und formuliert die Poesie der Straße auf seine Art, nämlich mit seiner Bildsprache. Die qualitative Bewertung von Jens Frankes Bildsprache überlasse ich anderen. Ich sehe, dass unser Bild-Handwerker für mein Verständnis etwas richtig macht: Er setzt nicht auf die Floskel „Konzept“, er sieht das Leben, erkennt es in Dingen, in Szenen, in Menschen. Etwas bekommt buchstäblich ein Gesicht, und so kommen auch die zur Geltung, die man mit politischer Arroganz und wirtschaftlicher Gier übersieht. So wie jene Menschen, die in diesem Viertel hier nicht etwa dem Verbrechen nachgehen, sondern hier leben und gute Arbeit machen. Als Handwerker, Kaufleute, Musiker, Wirte.

In den Situation des heutigen Neoliberalismus, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, halte ich es für wichtig, dass einer etwas macht wie die Bilder, die wir hier sehen. Dass ein Bürger überhaupt etwas tut: auch im Kleinen, in den Stadtteilen, und damit sind wir mitten bei den „little districts“, in den kleinen Welten und Subkulturen der Stadt. Wer genau hinschaut, entdeckt vielleicht nicht gleich seine verdammt Pflicht, etwas zu tun, etwas zu ändern. Aber er entdeckt etwas, das er zuvor nicht gesehen hat. Vielleicht setzt er sich in Bewegung. Es ist bewiesen, dass das Herumgehen das Hirn um ein Vielfaches mehr anregt als das Herumsitzen. Und ich verspreche Ihnen, meine Damen und Herren, es ist ein gutes Gefühl, sein Arbeit als seiner eigener Herumstiefelknecht zu erledigen.

Vom dem großen amerikanischen Stadtwanderer, Schriftsteller, Filmemacher Paul Auster haben wir bereits gehört; er war eine Art Anstifter für den Fotografen Jens Franke. In Paul Austers jüngstem auf Deutsch erschienen Buch „Winterjournal“ heißt es kurz vor Schluss: „Um tun zu können, was du tust, musst du gehen. Gehen trägt dir die Worte zu, erlaubt dir den Rhythmus der Worte zu hören, während du sie in deinem Kopf schreibst. Einen Fuß nach vorn, dann den anderen nach vorn, der Doppelschlag deines Herzens. Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine, zwei Füße. Dies und dann das. Das, und dann dies. Schreiben beginnt im Körper …“Ich will nicht vermessen sein: Vermutlich aber beginnt auch für Jens Franke das Bildermachen, das Fotografien im Körper. Und jetzt halte ich es mit Paul Auster: Um tun zu können, was du tust, musst du gehen.Noch einen schönen Abend, meine Damen und Herren. Vielen Dank.”


Stuttgart und seine Gesichter

Stuttgarter Zeitung - Online Ausgabe, 22.05.2013

Stuttgarts Menschen sind so vielfältig wie die Stadt selbst. Jens Franke hält einzigartige Momente und charakteristische Gesichter in Porträts fest. Dabei spielt der Zufall und der richtige Riecher eine große Rolle.

Stuttgart - Eine Stadt und viele Gesichter – Jens Franke hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Stuttgart, sondern auch seine Bewohner zu porträtieren und fotografisch festzuhalten. Egal ob Bauarbeiter, Schönheiten und Hunde – Franke geht es um die Geschichte hinter den Gesichtern.

Jens Franke ist eigentlich Designer und gestaltet für Kunden Benutzeroberflächen. Nach seinen eigenen Angaben „eine ganz andere Welt“ als die der Fotografie. Angefangen hat seine Leidenschaft während eines Auslandssemesters in Brasilien. Bei Spaziergängen – immer mit einer Kamera ausgestattet – sind ihm Dinge aufgefallen, die normalerweise übersehen werden.

„Am Anfang meiner fotografischen Laufbahn habe ich viele Dinge ausprobiert. Recht schnell hatte ich aber von Bäumen und Blumen genug. Ich habe herausgefunden, dass es im Grunde das Menschliche ist, was mich interessiert“, erzählt Franke. Und so entstanden Bilder von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern.

Ich bin kein Eckensteher

Stuttgart entdeckt Franke erst seit einigen Jahren. Am Anfang fotografierte er einfach drauf los. Später suchte er sich gezielt Themen und spezielle Gesichter für seine Foto-Touren heraus. Seine erste Porträtserie „Little District“ handelt vom Leben in einer kleinen, eigenständigen Umgebung mitten in Stuttgart. Mit „Little District“ nahm Jens Franke auch an seiner ersten Ausstellung „Eckensteher“ teil. „Das ist aber eigentlich gar nicht das, was ich mache.

Ungleich des Mottos stehe ich nicht teilnahmslos als Beobachter in der Ecke, sondern bin viel lieber Teil des Geschehens“, erklärt er. Mittlerweile gehe es ihm auch um mehr, als nur um das reine Foto. „Oft setze ich mich dazu, unterhalte mich mit den Menschen, die ich fotografiere und bekomme so ihre Geschichten mit“, ergänzt er.

Es muss „Klick“ machen

Auf der Suche nach Motiven macht Jens Franke einen Spaziergang, dreht seine Schleifen, beobachtet und wartet ab. Oft sieht er eine Person, bei der es einfach „Klick“ macht. Für das Foto belästige er die Menschen nur maximal für fünf Minuten. Porträts faszinieren ihn dabei besonders: „Ich finde, Menschen sind Leben und jedes Gesicht erzählt eine ganz individuelle Geschichte“, sagt Franke.

Bei seinen Fotos achtet Franke darauf, außergewöhnliche Perspektiven zu finden. Aber er muss schnell reagieren, wenn ihm eine besondere Person oder Situation ins Auge sticht. „Das kommt eher aus dem Bauch heraus und ist weniger planbar“, sagt er . Sein Beruf als Designer und seine Erfahrung helfen ihm dabei, intuitiv einen passenden Bildaufbau zu finden und interessante Situationen zu entdecken. Er achtet auf Spiegelungen durch Pfützen oder Schaufenster, Reflexionen, Licht und Hintergründe. Seine Fotos sind meist schwarz-weiß. Der Grund: „das ist zeitlos und vorteilhaft. Es hilft das Bild auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Seine Porträts reichen von alten Menschen, Obdachlosen bis zu besonders schönen Menschen. Es sind Menschen, die herausstechen, die Charakterköpfe sind. Es sei ein bisschen wie bei einem Goldsucher, manchmal habe er einfach Glück. Eine Schwierigkeit bei der Straßenfotografie ist das Recht am eigenen Bild. „Es wäre auch einfach Menschen in flagranti, in einer lustigen oder bloßstellenden Situation zu erwischen.

Diesen Situationen versuche ich zu widerstehen. Die Würde der Personen steht bei mir über allem. Deswegen gebe ich mich oft als Fotograf zu erkennen und bitte um ihre Erlaubnis“, erklärt Franke.

Lieblingsorte in Stuttgart, bei denen Franke immer mit einem Foto nach Hause geht, hat er nicht. Bahnhof oder Königstraße seien ideale Orte, da dort viele Menschen ankommen und vorbeigehen. Auch ideales Foto-Wetter kennt Franke nicht. „Schlechtes Wetter steigert oft die Dramatik der Szenen: Regenschirme werden ausgepackt, Haare wehen im Wind und Spiegelungen erlauben tolle Perspektiven.“ Ein Lieblingsfoto dagegen hat der Stuttgarter: Ein Zufalls-Foto, das nicht in Stuttgart gemacht wurde – Kinder am Strand mit einem Hund.

Auftragsfotograf möchte er nicht sein

Zuhause hat Franke mehrere Festplatten voll mit seinen Fotos, manche hat er auch ausgedruckt. Wie viele es genau sind, weiß er gar nicht. Viele Fotos löscht Franke auch sofort und manchmal legt er sie zur Seite und entdeckt Tage später das Besondere in ihnen. „Mit der Kamera unterwegs zu sein macht mir aber mehr Spaß, als die spätere Bearbeitung zu Hause“, gibt er zu.

Für die Zukunft kann sich Franke vorstellen eine spannende Reportage als Fotograf zu begleiten oder selbst zu organisieren. Dabei reizt ihn das soziale Miteinander, den Umgang von Menschen in Bildern einzufangen. Auch ein Buch zu veröffentlichen kann sich der Stuttgarter vorstellen. Nichts dagegen wäre der Beruf als Auftragsfotograf für ihn, sagt er: „Da fehlt mir die Freiheit.“

Von Anna Lammers